Willkommen Case Scaglione!
Der neue Chefdirigent im Gespräch mit Intendantin Madeleine Landlinger.

Erinnern Sie sich an Ihr erste wichtige Begegnung mit Musik?

Ich war ungefähr 8 Jahre alt und meine Eltern wollten die Oper in Houston besuchen. Die Babysitterin fiel aus und so durfte ich mitgehen. Während der Vorstellung, die mich absolut faszinierte, flüsterte ich meiner Mutter ins Ohr: „Wenn ich groß bin, möchte ich der Mann dort sein, der seine Hände bewegt und das Orchester klingen lässt.“

In welchem Jahrhundert würden Sie gerne leben?

Das kann ich ganz eindeutig beantworten – in diesem Jahrhundert! Wir erleben im Moment einen Paradigmenwechsel, der uns den Zugang zu jeglicher Art von Musik nur mit einem einzigen kleinen Mausklick ermöglicht. Natürlich sind zahlreiche große Meisterwerke im 19. Jahrhundert entstanden und es wäre völlig normal, sich zu wünschen, einmal Wagner am Pult in Bayreuth erlebt zu haben. Aber was diese Meisterwerke so großartig macht, ist eben gerade der zeitliche Abstand zu Ihrer Entstehung, in dem wir genug Zeit hatten, über sie nachzudenken, sie zu verstehen und in unserer Kultur zu verankern. Dies ist aber auch die große Herausforderung an die Institution Orchester heute: Wir müssen diesen Nachhall, der Musik dieser Zeit erst so wertvoll macht, lebendig halten. Was kann es Spannenderes geben, als im Hier und Jetzt zu leben?

Wie würden Sie die Aufgabe eines Dirigenten beschreiben?

Die Zeiten sind vorbei, dass ein Dirigent vor das Orchester tritt und sagt: „So und nicht anders machen wir das jetzt!“ Die Herausforderung ist, dass Du einzuschätzen weißt, wo die Mitte ist, in der man sich für eine fruchtbare Zusammenarbeit treffen kann. Wo ein Geben und Nehmen stattfinden kann. Man muss gut zuhören, was das Orchester gibt und die Musiker bestärken, das gemeinsam weiterzuentwickeln und tiefer in die Materie einzutauchen. Ich muss dabei immer an ein Zitat von T.S. Eliot denken, das diesen Prozess wunderbar beschreibt: „Zwischen Idee, Und Wirklichkeit, Zwischen Regung, Und Tat, Fällt der Schatten.“

Wie war das erste Treffen mit dem WKO?

Es war die beste Mozart-Erfahrung in meinem Leben! Wir haben gemeinsam seine „Linzer“-Sinfonie erarbeitet. Und wissen Sie, Mozart ist immer eine ganz besondere Herausforderung! Als Dirigent versucht man wirklich, Mozart für eine erste Zusammenarbeit mit einem neuen Orchester zu vermeiden. Das ist fast so, als zöge man zusammen, ohne sich vorher je gesehen zu haben. Mozart ist eine solch persönliche Angelegenheit! Es gibt da einen ganz standardisierten Weg, wie die meisten Orchester als „Dinosaurier“ des 19. Jahrhunderts Klassik spielen. Und inzwischen gibt es so viele unterschiedliche Lesarten und Auslegungen, die ihre Gültigkeit haben. Bei Mozart oder auch Schumann kann das wirklich zu großen Problemen führen. Doch mit dem WKO war das eben ganz anders: Die Musiker bringen eine enorme Flexibilität und eine unbändige Freude und Neugier an der Arbeit mit. Ich hatte meine Vorstellungen und die trafen auf eine starke Spielkultur, auf eine WKO-Klang-DNA. Zusammen haben wir einen ganz neuen eigenen Mozart-Klang kreiert. Das wäre mir ohne dieses Orchester nie gelungen. Wir haben gemeinsam den berühmten „Klick“ gespürt. Ich wusste, dass ich da etwas ganz Besonderes gefunden habe.

Was ist das Besondere für Sie an diesem Orchester?

Was mich von der ersten Begegnung mit dem WKO gepackt hat, ist die intensive Hingebung während des Probenprozesses. An Ihrem Klang zu arbeiten ist für diese Musiker fast schon eine moralische Verantwortung. Es ist wie bei einem Gemälde, wenn der Maler ganz zum Schluss die Farbgebung verfeinert, um Ihnen die nötige Tiefe zu geben und sie leuchten zu lassen. Dieser Wille, immer noch besser zu werden, hat mich vom ersten Ton an unglaublich beeindruckt. Und auf der Bühne sind sie bereit, Risiken einzugehen. Ich erinnere mich an Beethovens erste Sinfonie bei unserem Gastspiel in der Stuttgarter Liederhalle, wo wir im Moment des Konzerts gemeinsam musikalisch ganz neu gestaltet haben, teilweise völlig anders als in den Proben. Die Bereitschaft jedes einzelnen Musikers, mir auf diesen unbekannten Weg zu folgen, und zwar zu 150 Prozent, hat mich schlichtweg verzaubert. Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke!

Was haben Sie mit dem WKO vor? Was sind Ihre Wünsche und Ziele?

Ich will Europa und der Welt zeigen, welch eine Weltklasse-Begabung Heilbronn in diesem Orchester hat. Es ist ein Glücksfall, dass ich von Ruben Gazarian ein solches Weltklasse-Produkt übernehmen darf. Ich möchte mit dem WKO in den nächsten Jahren an einem gemeinsamen Klang in unterschiedlichem Repertoire schmieden, vor allem im klassischen Bereich, das ist unser Mittelpunkt, von dem wir ausgehen.

Last but not least noch etwas ganz Unmusikalisches: Wie mögen Sie Ihre Brezel am liebsten?

Mit sehr viel Salz, und manchmal auch gerne mit Senf!