2012_Die Winterreise

 

 

Franz Schubert //  Winterreise D 911 (bearb. für Singstimme und Streicher)

Koproduktion des Theaters Heilbronn mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn
Regie // Christian Marten-Molnár
Dirigent // Ruben Gazarian

 

Franz Schuberts Liederzyklus „Winterreise“ führt uns direkt ins restaurative Österreich der 1820er Jahre. Nach der Niederlage Napoleons und der Neuordnung Europas im Wiener Kongress bestimmte vor allem Fürst Metternich den harten, restriktiven innenpolitischen Kurs. Die Erfahrungen der Französischen Revolution und der anschließenden Kriege führten dazu, dass die Regierungen alle Formen einer liberalen oder gar radikalen Opposition im Innern sofort und unnachgiebig verfolgten. Metternich installierte in Österreich ein ausgeklügeltes Spitzelsystem. Niemand konnte sicher sein, nicht auch ausgehorcht und denunziert zu werden. Inmitten eines solchen Systems blieb nur der Schritt in eine Art „innerer Emigration“, vom politischen Engagement der Befreiungskriege der Rückzug ins Private. Auch im Freundeskreis Schuberts waren Hausdurchsuchungen und Verhaftungen an der Tagesordnung. Die Verhaftung seines Freundes Johann Senn 1820 und dessen anschließende Verurteilung zu 14 Monaten Gefängnis waren eine erste traumatisierende Erfahrung Schuberts.

In seinem Freundeskreis musste Schubert 1823 auf einen Gedichtzyklus in der ein Jahr zuvor verbotenen Literaturzeitschrift „Urania“ aufmerksam gemacht worden sein. Dort erschienen 12 Wanderlieder eines gewissen Wilhelm Müller, der sich in den Befreiungskriegen und in seiner Begeisterung für den griechischen Befreiungskampf gegen das osmanische Reich einen Namen als liberaler Denker gemacht hatte. Schubert war von diesen Gedichten begeistert. Er veröffentlichte seine Lieder aber erst, als er 1827 auf die weiteren 12 Gedichte Müllers stieß, die diesen Zyklus vervollständigten. Das erste Mal stellte er diesen neuen Zyklus noch im selben Jahr bei einer privaten Feier seinen engsten Freunden vor.

Mit der „Winterreise“ arbeiten das Württembergische Kammerorchester Heilbronn und das Theater nach dem Schönberg-Abend „Verklärte Nacht“ und „sinn_spuren“ zum dritten Mal gemeinsam an einem besonderen Projekt. Der Schubert’sche Liederzyklus wird neu instrumentiert für das Streichorchester und szenisch interpretiert unter Maßgabe des politischen Kontextes seiner Entstehung.
 

  

Auszüge aus dem Artikel aus den Fränkischen Nachrichten
vom 20.2.2012 von Jürgen Strein

Die Winterreise: Der Komponist Jens Josef hat den Liederzyklus von Franz Schubert und Wilhelm Müller für Streichorchester orchestriert / Uraufführung am Theater Heilbronn

Fremd in einer fremden Welt

 

 (...) Am Samstag hat Christian Marten- Molnár am Theater Heilbronn beides zusammen gebracht, Schubert "Winterreise" und das Parkhaus. Seine szenische Realisierung war gleichzeitig eine musikalische Uraufführung.
Denn der Komponist und Flötist Jens Josef hat für die Inszenierung eine neue Orchestrierung der "Winterreise" geschaffen, die die Modernität des Liederzyklus zum Programm macht. Die szenische Realisierung hätte sich keinen besseren musikalischen Partner aussuchen können: Das Württembergische Kammerorchester unter der Leitung von Ruben Gazarian lotete die Tiefen von Schuberts Musik aus, und der Heidelberger Bariton Matthias Horn bewältigte die Doppelbelastung und den Dauereinsatz von Schauspiel und Musik ohne Ermüdung und ohne bei der Interpretation Abstriche zu machen. (...) Die Musiker des Württembergische Kammerorchester setzten diesen szenischen Interpretationsansatz in ihrer musikalischen Interpretation fort, indem sie trocken, ohne Vibrato spielten. Da gab es keine üppigen Melodien, stattdessen eine karge, klare, durchhörbare Adaption von Schuberts Musik. (...) War allein das schon, der musikalische Teil des Abends, den Besuch der "Winterreise" in Heilbronn wert, so machte die Umsetzung der Musik in Szene durch Christian Marten-Molnár den Abend zu einem tief beeindruckenden Theatererlebnis. (...) Nach anderthalb Stunden, intensiv und ohne Pause gespielt, gab es einen regelrechten Beifallssturm für mutiges Musiktheater, insbesondere für den Hauptakteur des Abends, Matthias Horn.